Gießener Allgemeine – 08.07.2002

Genau das richtige Mittel gegen Kirchenschlaf
Schillernder Beitrag zum Drehorgelfestival: „Órgano Caribe“ mit kubanischem Bossa Nova in der Heilig-Geist-Kirche

Laubach (vh). „Ein echter Latino, wie man sieht“, heißt Christian Overmann einen angeblichen »Riccardo« mitten aus dem Publikum im Kreis der »Órgano Caribe« willkommen. Neben dem Drehorgel und Bongo spielenden Musiker Overmann komplettieren Rainer Redeker (Timbales) und Jürgen Fischer (Congas) das im westfälischen Münster beheimatete Stimmungstrio karibischer Spielkultur. Und jener in höchstem Grad animierende Beitrag zum Laubacher Orgel- und Drehorgelfestival dürfte auch dessen schillernster gewesen sein, brachte er doch eine europaweit einmalige Formation auf die „Bühne“, zumal beherzte Zuhörer zum „Drehorgeln“ nach vorne, widerlegte ein mentales Vorurteil und offenbarte am Veranstaltungsort – der katholischen Heilig-Geist-Kirche – einen Pfarrer Vogl, der sich von so viel Fröhlichkeit nicht überrumpeln ließ.

Ende des 19. Jahrhunderts war die erste Drehorgel in Kuba aufgetaucht, vom Komponisten Borbolla für die Begleitung zu populären Landestänzen umgebaut worden und fortan nicht mehr aus der bewegungsfreudigen Inselszene wegzudenken. Heute sind Drehorgeln in ganz Kuba verbreitet, die – auf den karibischen Rhythmus „umgeschult“- neben traditionellen Pereussionsinstrumenten wie Congas, Timbales und Güiro überall auf der Insel ehedem willi-ge Tanzbeine in noch mehr Feierlaune bringen. „Órgano Caribe“ setzen als bisher einzige Combo diese drehleier-betonte Tradition in Europa fort. Da wird das gängige Vorurteil vom sturen Westfalen doch glatt Lügen gestraft.

Warum nun drei bodenständige Münsterländer ausgerechnet mit einer „flippigen“ Drehorgel umherziehen, erfahren die Gäste sogleich. Schuld daran sei nur der Bossa Nova. Der sicherlich im weiteren Verlauf auch beim deutschen Publikum vorhandene Bewegungsdrang wird in der Kirche zwar geflissentlich unterdrückt, aber die Freude am unwahrscheinlich lebendigen Spieleindruck der Westfalen bleibt davon unberührt. Derweil also einzigartiger Klangzauber aus vor dem geistigen Auge vorstellbaren fernen Urlaubsgestaden in das Gotteshaus strömt, blickt Overmann flehentlich in die gut gefüllten Reihen. Vom ewigen Drehen sei stets ein Hexenschuss zu befürchten, daher dürfe, wer wolle, sich an der Leier versuchen. Gesagt, getan. „Riccardo“, alias Richard Semmler – in Laubach auch erprobt als Drehorgel- und Cembalo-Konstrukteur – schreitet flotten Fuß es nach vorne und gibt die Leier – einmal in Schwung gebracht – bis zur Halbzeit nicht mehr aus der geübten Hand. Weitere wagemutige Zuhörer zeigen nachher ähnlich erfolgreiche Einsatzfreude, ja, selbst der Hausherr schreitet ohne viel Aufhebens zur Tat. Vogl: „Wenn ich wegen dieser Veranstaltung zu Kardinal Lehmann zitiert werde, sage ich dann auch: „Schuld war nur der Bossa Nova!“. Diese Musik sei überdies genau das richtige Mittel gegen Kirchenschlaf.
Den Mitspielern aus dem Publikum gönnt der Pfarrer ihre neu gewonnene Popularität, jedoch, „ich bin noch nie in einer Predigt nach Autogrammen gefragt worden“, so Vogl. Anlass genug für eine Dame, den Pfarrer nach getaner Leierarbeit spontan um genau eine solche Unterschrift zu bitten. Von einer pulsierenden Zwiesprache – manchmal gar regelrechten Wettbewerb ums höchste Spieltempo – zwischen Drehorgel und Percussion, einmündend in überaus lebensbejahende Atmosphäre in der Heilig-Geist-Kirche, wird man in Laubach sicherlich noch eine Weile reden. Wer nicht anwesend war, wird halt zum nächst möglichen Termin kommen. Denn den muss es unbedingt geben!